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Aufbruch nach dem Abbruch: Warum wir Abbrecher unterstützen sollten, statt über sie zu urteilen

Eva Friese

Immer mehr junge Menschen brechen ihre Ausbildung oder ihr Studium ab. Diese Entwicklung veranlasst den „Ausbildungskonsens NRW“ – ein Bündnis aus Politik, Gewerkschaften, Arbeitgebern und Kommunen – dazu, ihr selbsternanntes Gründungsziel zu überdenken. Zwar sei der Slogan „Jeder junge Mensch soll die Chance auf eine Lehrstelle haben“ noch im Trend, in den Fokus sollen jetzt aber vielmehr auch Studienabbrecher rücken. Das ist natürlich begrüßenswert. Geht aber nicht tief genug. Erstens muss von der Politik mehr kommen, als etwa die duale Ausbildung als „bunten Strauß an Chancen“ anzupreisen (so NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann). Zweitens geht es vor allem darum, sich ernsthaft mit den Motiven von Studien- und Ausbildungsabbrechern auseinanderzusetzen. Und dann gemeinsam mit Arbeitnehmer und Arbeitgeber Perspektiven auszuarbeiten. Und sich auch einfach mal einzugestehen: Das ist der richtige Weg!

Stellt sich die Frage nach den Gründen für einen Abbruch – und diese sind vielfältig: fehlende Ansprechpartner im Unternehmen, falsche Erwartungen oder Geldmangel sind nur einige davon. Wo nun der Anfang mit Diskussionen über einen Mindestlohn für Auszubildende gemacht ist, dürfen wir nicht aufhören zu fragen, wie wir Berufseinsteiger auf ihrem Weg unterstützen und sie möglichst umfassend auf das Arbeitsleben vorbereiten. Dazu gehört in erster Linie das offene Gespräch – auch und vor allem dann, wenn es Probleme in der Ausbildung gibt (frei nach Laumann und Lindner ja quasi ein Strauß dorniger Chancen).

Der Ausbildungsplan – Zwischen Realität und Utopie

Klar: Die Interessenten möglichst umfassend zu informieren, noch bevor sie sich bewerben, steht im Mittelpunkt unserer Aufgabe als Personaler und Experten im Schüler- und Studierendenmarketing. Doch nehmen wir mal eins an (ja, dieses Szenario ist zugegeben doch sehr utopisch): Angehende Auszubildende und Studierende wüssten genau, was auf sie zukommt, wären bestens auf den Ablauf ihrer Ausbildung vorbereitet und hätten ein klares Bild davon, was von ihnen erwartet wird – sehr wahrscheinlich könnte man die Abbruchquote trotzdem nicht auf den Nullpunkt bringen. Warum? Weil die Realität eben anders aussieht.

In vielen Unternehmen ist es auch in Zeiten, in denen Buzzwords wie Authentizität, Individualität und Nahbarkeit in aller Munde sind, noch an der Tagesordnung, dass die Realität oft anders aussieht, als in der Stellenanzeige angeteasert. Und wenn es doch anders kommt (alles ist natürlich nicht planbar), dann müssen die jungen Talente darauf auch vorbereitet werden. Dann kann es natürlich passieren, dass sie merken, dass der Beruf oder der Studiengang nicht perfekt zu ihnen passt. Und hier sind dann die Betreuer gefragt – auch wenn es erst einmal paradox klingt: Damit weniger junge Leute ihre Ausbildung abbrechen, müssen sie auch bei der Entscheidung unterstützt werden, ihre Ausbildung abzubrechen.

Hilfe zur Selbsthilfe – Was nicht passt, passt vielleicht einfach nicht

Was meint das? Der Alltag in Unternehmen kann ganz anders sein, als Ausbilder und Auszubildende das geplant hatten. Und wenn auch das offene Gespräch und individuelle Änderungen im Ausbildungsplan nicht weiterhelfen und der oder die Auszubildende die Ausbildung vorzeitig beenden möchte, dann ist es wichtig, sie auch bei diesem Schritt zu begleiten.

Auch muss der Abbruch nicht unbedingt mit dem Unternehmen zusammenhängen. Oft sind es die Ausbildungsinhalte, auch der von vielen wenig geliebte Berufsschulunterricht – oder eine Unterforderung während der Ausbildung-, die die Auszubildenden zum Abbrechen der Ausbildung bewegen.

Eine glückliche Zukunft – Talent Relations auch nach dem Abbruch pflegen

Natürlich sollte das Ziel sein, dass junge Leute ihre Ausbildung auch erfolgreich beenden. Wir sollten allerdings nicht jeden Abbruch als negativen Moment betrachten, schließlich hinterlässt nicht jeder Ausbildungsabbrecher nur verbrannte Erde im Unternehmen – viele Auszubildende merken, dass es sie doch eher an die Uni zieht. Die Möglichkeiten, die das für Unternehmen mit sich bringt, liegen auf der Hand.

Auch wenn es sehr idealistisch klingen mag: Ausbilder und Personalverantwortliche sind nicht nur für die berufliche Bildung ihrer Auszubildenden verantwortlich. Im besten Fall übernehmen sie auch Verantwortung für ihre persönliche Entwicklung: Jeder Mensch verdient den bestmöglich passenden Job und Arbeitgeber, nur so kann er sich komplett entfalten. Und die selbstständige Entscheidung treffen zu können, dass der eigentlich gewählte Weg nicht der richtige ist – das zeugt von viel Verantwortungsgefühl, Selbstständigkeit und Mut. Und das müssen Unternehmen und Ausbildungsverantwortliche auf jeden Fall fördern.

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