EMBRACE
BLOG

ZURüCK

TRAUMJOB GEISTESWISSENSCHAFTLER? VOM REVIVAL EINER STUDIENRICHTUNG OHNE JOBPERSPEKTIVEN

Jan Franzen

Die IT-Branche klagt: Zu viele Stellen können nicht mehr besetzt werden, den Unternehmen mangelt es an geeigneten Entwicklern. Was der Stack Overflow IT-Recruiter Report 2017 zeigt, liegt sicherlich auch am fehlerhaften Recruiting vieler Personaler. Vielleicht suchen die IT-Unternehmen aber auch schlichtweg an der falschen Stelle. Denn bei der Stellenbesetzung in anderen Branchen, wie der Wirtschaft, zeigt sich: Geisteswissenschaftler sind so gefragt wie nie.

Es ist das leidige alte Lied von Absolventen aus den Geisteswissenschaften, die studieren, um keine Zukunft auf dem Jobmarkt zu haben. Hier sind – der germanistische Hint sei erlaubt – der Worte längst genug gewechselt. Fragen wir lieber: Warum erlebt diese Studienrichtung derzeit ein derart großes Revival? Immer mehr Geisteswissenschaftler finden nach dem Studium eine Anstellung – tatsächlich gehörten die Geisteswissenschaftler 2016 zu der Berufsgruppe, deren Zahl an Arbeitslosen mit am deutlichsten von allen zurückging. Ist also doch was dran am Universalgenie, das in jahrelangen Proseminaren und Vorlesungen für den Arbeitsmarkt ausgebildet wird?

DIGITALISIERUNG BEDEUTET FÜR GEISTESWISSENSCHAFTLER MEHR ALS NUR E-BOOKS ZU LESEN

Fassen wir die Benefits eines Studiums in den Geisteswissenschaften zusammen: Interdisziplinarität gepaart mit einem strukturellen Denken und einer wissenschaftlichen Arbeitsweise. Und wo hilft das konkret in der IT-Welt? Im Projektmanagement. Fachfremdes Know-how hilft bei der vollständigen Produktabwicklung von der Planung bis zum Launch. Im Zuge der Digitalisierung spielt ein weiterer Aspekt eine entscheidende Rolle: „Was technisch machbar ist und was gesellschaftlich gewollt ist, liegt zuweilen meilenweit auseinander. Und um in dieser Grauzone Orientierung zu geben, sind die Geisteswissenschaftler genau richtig, weil sie vernetzt denken können und in der Lage sind, Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.“

GESUCHT WIRD: EXPERTE (M/W) IN LITERATUR, GESCHICHTE ODER ROMANISTIK – UND IN HEX!

Zugegeben: Als Ethikberater in einem IT-Konzern zu arbeiten, bedeutet noch nicht, dass man Experte in Sachen HTML, Hex oder Swift ist. Aber man kann es werden. Die Hürden, sich heutzutage das Coden beizubringen, sind so niedrig wie nie zuvor – vor allem im App-Marketing. Getreu dem Motto: Wenn eine 81-jährige Asiatin sich Apples Programmiersprache Swift beibringt, eine App entwickelt und diese es in den App Store schafft, dann kannst du das auch! Außerdem bedeutet IT-Kompetenz nicht nur, coden zu können. Auch der Umgang mit gängigen Tools und projektorientierter Problemlösung gehört zum Tagesgeschäft.

KOMM ALS QUEREINSTEIGER UND BLEIB ALS CODERGENIE!

Sind denn alle potenziellen Quereinsteiger wirklich selbst für ihre Weiterbildung verantwortlich? Auf keinen Fall. Hier kann und muss man wieder auf ein in weiten Teilen antiquiertes Bildungssystem zu sprechen kommen, dass sich den digitalen Herausforderungen unserer Zeit nicht anpassen will. Frank Thelen fordert nicht zu Unrecht, dass Programmieren zur wichtigsten Fremdsprache in der Schule werden sollte. Seit den Bologna-Reformen bieten Universitäten immerhin die Möglichkeit, im Rahmen der Optional-Kurse während des Bachelorstudiums IT-Seminare oder Coding-Workshops zu besuchen.

AUCH DIE STELLENAUSSCHREIBUNG MUSS MODERNER WERDEN

Bleibt am Ende der Blick auf das Personalmarketing. Immer wieder beobachten wir im Schüler- und Studierendenmarketing, dass die Stellenausschreibung viele Bewerber zur Verzweiflung treibt: Was sind harte Voraussetzungen für den Beruf, welches Know-how ist im besten Falle nur gewünscht? Soll ich mich mit meinem fachfremden Background überhaupt bewerben? Der Appell an die Personaler: Macht deutlicher, dass ein Quereinstieg nicht nur akzeptiert, sondern auch erwünscht wird!

Bildquellen:

Titelbild: Death to Stock

Mann mit Ballon: Andrew Worley/Unsplash.com

Never Settle: Ryan Riggins/Unsplash.com

Letzter BeitragNächster Beitrag