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Lassen Sie uns über Schulnoten reden – Warum Personaler immer noch aufs Zeugnis schauen

Björn Remiszewski

Treibt man sich des Öfteren auf Veranstaltungen wie dem HR BarCamp oder dem Recruiterslam herum, bekommt man schnell den Eindruck einer nach Innovationen lechzenden HR-Welt: Stellenanzeige und Anschreiben? Liegen in den letzten Zügen. Vorstellungsgespräche? Sind in zehn Jahren Geschichte. Auch Schulnoten scheinen immer weiter an Bedeutung zu verlieren und vielen Arbeitgebern mittlerweile egal zu sein.

Man vergisst allerdings gerne, dass dieser aufgeschlossene, neugierige und risikobereite Teil längst noch nicht die Mehrheit der Personaler darstellt. Viele Personalabteilungen, das erleben wir täglich, sind nach wie vor von traditionellen Bewerbungsverfahren überzeugt. Aber warum? Aus reinem Konservatismus, wie wir Revolutionäre mit unseren Videobewerbungen, Pyjamapartys und sonstigen nonkonformen Recruitingideen gerne mal vorwerfen? Nein, es steckt mehr hinter diesem vermeintlichen Trend von gestern – zum Beispiel beim Thema Schulnoten. Genau über jene haben wir mit Stefan Vieth gesprochen, Ausbildungsleiter bei den Stadtwerken Bochum, der uns bereits in diversen Videointerviews Rede und Antwort stand.

Schlechte Noten, keine Chancen

Die Stadtwerke Bochum bilden in technischen und kaufmännischen Berufen aus. Egal, wie sehr ein Bewerber für einen dieser Berufe brennt, ohne entsprechende Schulnoten im Abschlusszeugnis hat er keine Chance, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Stefan Vieth betont zwar, dass wirklich jedes Anschreiben gelesen werde. Wer aber in entscheidenden Fächern wie Mathe oder Deutsch nicht wenigstens im 3er-Bereich landet, wird aussortiert.

Sofort reißen wir den mahnenden Zeigefinger in die Höhe: Was sagen Noten denn bitte über die fachliche Eignung, geschweige denn die emotionale Intelligenz eines Bewerbers aus? Gar nichts – da macht auch Vieth keinen Hehl draus. Mehr noch: „Ich bin mir dessen völlig bewusst, dass uns auf diese Weise ein guter Azubi durch die Lappen gehen kann.“ Warum also nicht auf Schul- und Abschlusszeugnisse pfeifen? Der simple Grund: zu viele Bewerbungen.

Luxusproblem Bewerberflut

Fachkräftemangel und fehlender Azubi-Nachwuchs, so wie ihn kürzlich der Berufsbildungsbericht verkündet hat, verursachen bei den Stadtwerken Bochum noch keine grauen Haare, auf jede freie Stelle kommen hunderte Bewerbungen. „Die Schulnoten dienen schlichtweg als Grundlage, die Bewerberzahl auszudünnen, und keinesfalls als Entscheidungskriterium“, so Vieth. „Noten haben nichts mit den Fähigkeiten der Bewerber zu tun.“

In den folgenden Runden wird dann größter Wert auf soziale Kompetenz und Teamfähigkeit gesetzt: „Eigenschaften wie Empathie müssen von zu Hause aus mitgebracht werden, darin kann man sich nur schwerlich verbessern. Die fachlichen Voraussetzungen sind einfacher zu vermitteln und nachzuholen.“ Im kaufmännischen Bereich etwa wurde schon dazu übergegangen, statt des normalen Vorstellungsgesprächs ein Mini-Assessment-Center zu veranstalten, in dem Vieth und seine Kollegen die sozialen Kompetenzen eines Bewerbers erkennen können. Manchmal folgt anschließend noch ein Einzelgespräch, um dem Charakter noch genauer zu prüfen.

Was die Schulintelligenz allerdings verrät

Ganz aussageschwach sind Schulnoten für Stefan Vieth dann allerdings auch wieder nicht, sondern spiegeln die Fähigkeit, sich in fremde oder komplexe Sachverhalte hineinzuarbeiten – unverzichtbar für die immer anspruchsvolleren Ausbildungen. Zudem spielen einige der schulischen Inhalte auch im Beruf eine gewichtige Rolle: „In den technischen und kaufmännischen Ausbildungen sind sowohl Deutsch als auch Mathe einfach wichtig. Es wird sehr viel gerechnet und Formeln müssen umgestellt werden. Für die technischen Berufe sind nicht nur technisches Verständnis und Spaß an den Naturwissenschaften essentiell, man muss seine Arbeit auch einwandfrei dokumentieren können. Gleichzeitig verlangt auch der kaufmännische Bereich gute Mathe- und, beispielsweise im Kundendienst, Deutschkenntnisse.“

In einem positiven Umfeld wird vielleicht kreativer und innovativer gearbeitet. Wenn es darum geht, Fachspezialisten auszubilden, zählt das Argument der Schwarmintelligenz für Vieth nicht. Zudem offenbart ein Blick aufs Abschlusszeugnis nicht nur die Noten, sondern auch die unentschuldigten Fehlstunden – für Vieth ein wichtiger Punkt.

Offen für Neues

Große Experimente, etwa ein Tag der offenen Tür, bei dem Bewerber gleich beim Erstkontakt mit dem Arbeitgeber ihre Eignung beweisen können, sind bei der Zahl der Interessenten allein schon aus logistischen Gründen nicht möglich. Doch auch wenn Vieth betont, dass Schulnoten auch in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle im Azubi-Recruiting spielen werden, ist man bei den Stadtwerken durchaus offen für Neues. Die bereits angesprochene Videobewerbung und die damit verbundene Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit stärker präsentieren zu können, sind für Vieth einen Versuch wert.

Eine kleine Hintertür lässt der Personaler zum Schluss sogar offen für Interessenten mit nicht ganz so guten Noten: den Weg über das Praktikum. Bei der Bewerbung für ein Praktikum sind die Noten weniger ausschlaggebend, und wer sich dort bewährt, hat deutlich größere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu ergattern. „Wenn die Noten dann nicht so tipptopp sind, es aber menschlich passt und der Praktikant bewiesen hat, dass er handwerklich sehr geschickt ist, dann bekommt er die Möglichkeit, sich im Vorstellungsgespräch und etwaigen Einstellungstest mit anderen Bewerbern zu messen.“

Bleibt die Frage, ob man eine menschliche Einschätzung nicht schon mit der ersten Auswahlrunde verknüpfen kann. Denn auch wenn es erfreulich ist, zu viele Bewerbungen zu bekommen, kann es nicht im Interesse eines Unternehmens sein, deswegen vielleicht den passendsten Kandidaten auszusieben – und im Interesse der Bewerber erst recht nicht.

Bildquelle:

Tafel: Death to Stockfotos

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