EMBRACE
BLOG

ZURüCK

ÜBER DIE ZUKUNFT DER ARBEIT – UND KONKRETE SCHRITTE FÜR HEUTE

Jan Franzen

Die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten werden, hat bei Google über 81 Millionen Treffer. Schaut man sich die medialen Debatten an, fällt fast ironischerweise auf: Das Einzige, was wirklich fehlt, ist eine Antwort. Die Industrie 4.0 steht hierzulande schon seit längerem in den Startlöchern – an radikale Änderungen im Arbeitsalltag traut sich die Wirtschaft trotzdem nicht heran. Dabei gibt es längst Ansätze, die Arbeitgeber schon jetzt umsetzen können, wenn sie sich endlich trauen, digital zu denken. Und wenn sie dabei Hilfe von der Politik bekommen.

VON UTOPISCHEN DENKANSÄTZEN, DIE ZU GREIFBAREN LÖSUNGEN FÜHREN

Natürlich gibt es sie, die Debatte um die Zukunft der Arbeit. Sie wird ganz aktuell aufgegriffen von einem philosophischen Denker, der es schon mit anderen großen Themen geschafft hat, sie populär zu machen: Richard David Precht. Er beschreibt das Radikale an jener digitalen Revolution, in der wir uns längst befinden: Viele Jobs im Dienstleistungssektor werden wegfallen, jenen Menschen droht der Existenzverlust.

Die wenigen Jobs, die nicht von Roboterhand gehen, werden von den Menschen gemacht, denen es dann wirtschaftlich besser geht. Was den Armen bleibt? Ein einzuführendes Grundeinkommen, das die Teilhabe an der Konsumgesellschaft sichert. Im Zuge jener notwendigen Grundlagensicherung plädiert Precht zudem auf ein völlig umgekrempeltes Bildungssystem. Die extrinsische Motivation zu lernen, die also von Noten belohnt wird (und sich später im Job durch die Aussicht auf Geld wiederfindet), müsste durch eine intrinsische, also von innen-gerichtete Motivation, abgelöst werden. Die Lust aufs Lernen – so wie die Lust zu arbeiten.

DIE LETZTE CHANCE, ARBEIT ENDLICH ZU DIGITALISIEREN

Das ist alles radikal von Precht und noch abstrakt, es setzt uns aber unter Druck, zu handeln. Aber wie? Vor allem: Wie kurzfristig handeln, bevor die Digitalisierung uns plötzlich überrollt hat? Mit Blick auf die Bildungspolitik kann man auf einer ganz greifbaren Ebene ansetzen. So sollte eine der lautesten Fragen sein: Wann erhalten digitale Themen endlich ehrlichen Einzug in den Bildungsalltag? Und damit ist nicht eine flächendeckende Internetversorgung aller Schulen in Deutschland gemeint (wie fatal, dass dieser Netzausbau oft das einzige medial-wahrnehmbare Thema hierzu ist). Nein, die Forderungen beinhalten die Digitalisierung der Klassenräume und Kindertagesstätten, bei der (Klein-)Kindern der Umgang mit Tablets, Smartboards & Co. didaktisch nahegebracht wird. Und was ist mit der Fremdsprache Codieren? Wieso schaffen es App-Entwickler, das Coden für Kinder und Jugendliche zu veranschaulichen, aber nicht unsere Lehrinnen und Lehrer?

Die Herausforderungen eines neuen Arbeitszeitalters im Zuge von Industrie 4.0 kann keine alleinige Herausforderung für Arbeitnehmer sein. Klar, auch in ihnen muss flächendeckend das Bewusstsein wachsen, dass rasante Änderungen auf uns zukommen (dazu beitragen würde sicherlich die Auseinandersetzung der schulischen Digitalisierung der eigenen Kinder). Aber: Politik und Wirtschaft müssen endlich liefern. Das beginnt dabei, dass im Personalmarketing noch immer häufig auf analoge Bewerbungsverfahren gesetzt wird (was schon jetzt fast als Reminiszenz an vergangene Tage gelesen werden kann) und findet seinen Schwerpunkt darin, dass auch gerade in der Ausbildung digitale Lerninhalte noch nicht flächendeckend Anwendung finden.

WIE DAS PERSONALMARKETING SCHON JETZT AUF ZUKUNFT STELLEN KANN

Springen wir von einem neuen Bildungssystem zur neuen Berufswirklichkeit. Es gibt sie, die erfolgreichen Beispiele, die zeigen: Arbeitnehmer, die nur fünf Stunden am Tag arbeiten, sind produktiver. Zugegeben, dieses Beispiel bringt uns weg von Prechts Idee einer Reduzierung der Arbeitszeiten in Bezug auf das Grundeinkommen (denn die Mitarbeiter werden am Gewinn des Unternehmens beteiligt, es bleibt extrinsisch). Aber diese Beispiele – es gibt davon viele! – zeigen eines: 9-to-5 ist vielleicht wirklich nicht mehr die Antwort auf alle Fragen.

Eine andere Überlegung neben notwendigen digitalen Weiterbildungen in manchen Branchen, die ebenfalls in die digitale Herausforderung mit reinspielt: Wieso ermöglichen Arbeitgeber Quereinsteigern mit digitalem Know-how nicht einfacher den Zugang zu Jobs, die eben jenes Wissen brauchen? Viele beharren nach wie vor – es ist oft angesprochen worden, und es muss noch oft angesprochen werden! – auf klassischen Einstellungskriterien wie Schulnoten. Wie aber soll man ein „sehr gut“ in digitalen Fächern haben, wenn sie nicht auf jedem Stundenplan fest verankert sind? Übrigens würde eine Lockerung der Hard Skills hin zu den Soft Skills weiter ungeahnte Motivationen eines Arbeitnehmers freisetzen, der wirklich Lust auf eine Stelle hat, ohne die Qualifikation vielleicht rein auf dem Papier (welch Old-School-Bild) mitzubringen. Die Erfüllung im Job, die Arbeitnehmer und -geber gleichermaßen anstreben, kann nicht nur über die Hard Skills gehen!

ALSO: FANGEN WIR JETZT ENDLICH AN?

Wie kann man den Wandel hin zur Zukunft der Arbeit also gestalten? Der Beginn ist getan, wenn Wirtschaft und Politik sich ihre Überforderung eingestehen und endlich damit aufhören, „die Liegestühle auf der Titanic umzudekorieren“. Dann können sie kleinen Schritte gehen, die sich Stück für Stück zum Ganzen zusammenfügen und etwa in digitalen Bewerbungsprozessen ihren Anfang finden.

Wenn Politik und Wirtschaft jetzt endlich damit anfangen, erste ernstgemeinte Schritte zu gehen (und das jetzt noch freiwillig), werden sie besser vorbereitet sein auf die ganz großen Herausforderungen, die kommen werden, wenn traditionelle Arbeitsplätze wegfallen, Maschinen federführend im Arbeitsalltag sind, und der Arbeitnehmer sich wirklich ganz konkret mit der Frage zu seiner beruflichen Zukunft auseinandersetzen muss: Kann ich auch an einem digital-generalüberholten Arbeitsplatz glücklich werden? Und wenn ja, wie viel?

Letzter BeitragNächster Beitrag